Spannungsfeld zwischen Wir und Ich

Friedvolles Miteinander üben oder individuelle Verletzlichkeiten leben

Wenn wir viel Raum für individuelle Bedürfnisse lassen, stärken wir dadurch nicht nur das Ego und damit die Trennung voneinander? Sollten wir stattdessen uns nicht lieber auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren und danach streben in Harmonie und Frieden Gemeinschaft zu erleben, indem wir den Fokus nicht auf unser individuelles Verlagen und unsere Unterschiedlichkeit richten (Ego-Tripp), sondern auf das Wir-Gefühl? Lenken uns unsere individuellen Bedürfnisse und Meinungen nicht stets ab von dem Erleben des Verbundenseins und der Liebe?

Ich (Andreas) glaube, dass wenn wir ganz geheilt sind, erleuchtet, dass wir dann tatsächlich ausschließlich die Allverbundenheit, das Wir, leben und von der Anhaftung ans Ich vollständig losgelassen haben. Wir erleben in allem nur noch Verbundenheit und in uns gibt es keine individuellen Verletzlichkeiten mehr, sondern nur noch Mitgefühl für den Weltschmerz. Wir können widerstandslos alles annehmen, wie es eben ist, denn die Liebe sagt: „Es ist wie es ist“ (Erich Fried) und kann alles anstrengungslos, ohne etwas in sich unterdrücken zu müssen, so sein lassen.

Ich (Andreas) glaube weiterhin, dass ich und die meisten Menschen, ihr ganzes Leben Lernende auf dem Weg zur Erleuchtung bleiben und nur in kurzen Momenten die anstrengungslose, bedingslose Allverbundenheit und Liebe erleben. Ich gehe weiterhin davon aus, dass Annahme und Liebe nur dann in mir wachsen kann, wenn ich alle Verletzlichkeit, Andersartigkeit und Bedürfigkeit vollkommen zulasse und den anderen zumute. Versuche ich zu Gunsten des Wir meine innere, individuelle Befindlichkeit hinten anzustellen, trenne ich einen Teil von mir ab. Dieser Teil kann nur heilen und Liebe erfahren, wenn ich ihm besondere Aufmerksamkeit schenke.

Diese Betrachtungsweise stellt uns als Defizitmodell da, das noch viel lernen muss, um ganz in der Liebe zu sein. Heute gefällt mir eine andere Definition von Fülle, erfülltem Leben, besser. Wieso das so ist, versuche ich Dir im folgenden Abschnitt zu erläutern.

Fülle = Licht & Schatten

Wie wäre es, wenn alles (alle Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse u. Handlungsimpulse) gleichermaßen willkommen wäre? Und nicht nur willkommen, sondern unverzichtbar für ein erfülltes Leben? Lebensfülle gleich viel Schatten wie Licht enthält?
Kein Streben mehr (ein besserer Mensch zu werden: geduldig, stressfrei, tolerant, ohne Wut, ohne Angst, ohne Scham, ohne Unsicherheit) und auch kein Widerstand (gegen die Welt, unser Gegenüber, dem Moment, meinen ungeliebten inneren Anteilen und Gedanken – wie sie gerade jetzt eben sind).
Und dies ohne jeden Anspruch, ohne Ziel (nach Perfektion, nach leichtem Gelingen, nach liebevoller Annahme, nach Glauben daran), denn wirklich alles darf so sein. Ich schaue, was da ist, ohne es verändern zu wollen. Und ohne Heiligenschein, wo ich Unangenehmem mit Liebe begegne oder alles loslassen kann. Ich versuche freundlich mit einem kleinen Lächeln – selbst wenn es aufgesetzt sei mag – zu beobachten, was in mir und um mich geschieht.

Statt als „Erleuchteter“ nur noch die Liebe zu kennen, erkenne ich im anderen alle Schattenseiten, die auch ich habe. Dadurch fühle ich mich weniger getrennt und erkenne vielleicht, dass wir trotz all unserer trennende Strategien verbunden sind, da wir alle aus demselben Licht & Schatten bestehen.

Wie wäre es, wenn wir uns gegenseitig erzählen, was in uns tobt, falls wir uns gegenseitig stören? Vielleicht löst sich durch die Offenheit und Annahme so mancher Konflikt von ganz allein.

Empathie hat Vorfahrt: Einfühlung vor Entwicklung

Mir (Andreas) ist klar:

  1. Wenn ich mir einen herzlichen Kontakt (Verbindung) zu einem anderen Menschen wünsche, dann ist es für den anderen viel leichter mir diese Bitte zu erfüllen, wenn ich aus dem Metta/Maitri-Geist (liebevolle Güte und Freilassend) denke, spreche und handle.
  2. Wenn ich Gedanken wie „Ich habe ein Recht, dass Du …“ oder „Du solltest…“ habe oder noch Gefühle wie Groll, Wut, Verletztheit in mir trage, rufe ich damit eine trennende Energie ins Leben und erschwere damit den erwünschten Kontakt. Oft verhindere ich ihn sogar dadurch.
  3. Ich nehme an, dass im Sinne einiger spiritueller Lehren ich erst mal solange meditiere, bis dieser andere Geist in mir ganz verklungen ist und ich mich aus reiner Liebe und Güte dem anderen zuwenden kann.

Mir (Andreas) persönlich fällt es schwer in der Meditation mit Achtsamkeit, Selbstannahme und Selbstliebe meine trennenden Gedanken und Gefühle zu versorgen, um so wieder in inneren Frieden und in die Liebe des All-Eins-sein zu gelangen. Egal, ob ich alleine oder in einer Gruppe meditiere, schnell stellt sich bei mir aus Gewohnheitsenergie ein neuer Anspruch ein, nämlich alles in mir los zu lassen und keine trennenden Gedanken oder Gefühle mehr zu haben. Damit verdränge ich allerdings nur diese Anteil in mir. Wahrscheinlich werde ich durch eine regelmäßige Meditationspraxis diese Gewohnheit aufgeben können und mein derzeitiges Getrennt-Sein ohne Streben nach dem Besseren achtsam und liebevoll anschauend annehmen können.

Doch für mich (Andreas) bleibt dann ein Problem bei dieser Praxis: die Regelmäßigkeit. Für mich sind Selbstdisziplin und Selbstverpflichtung auf Grund meiner Biographie Gewalt gegen mich selbst. Eine Entscheidung zur Regelmäßig aus der Weisheit, dass diese mir hilft, ist für mich äußerst schwierig – für einige andere hingegen nicht. Ich erlebe sehr viel Widerstand, weil Freiheit ein zentrales Bedürfnis für mich ist.

Mit der Lebwendigen Übungsgruppe „einfühlsame und annehmende Kommunikation“ suche ich (Andreas) einen zweiten Weg, um den Metta/Maitri-Geist in mir an die Oberfläche zu holen. Hier dürfen alle Gedanken und Gefühle frei leben und ausgedrückt werden. Durch die aktive Annahme der anderen wird der Weg zur Verbindung geöffnet. Damit kann ich in der Versöhnung ankommen. Jedoch ist es ein offener Prozess, die Veränderung ist also nicht garantiert und auch nicht angestrebt.

Doch diese Gruppe ist auch etwas anders als manche Gruppe, die ähnlich klingt. Bei Therapiegruppen, Selbsthilfegruppen, Selbsterfahrungsgruppen (z.B. Circling) und Kommunikationsgruppen geht es i.d.R. um Entwicklung, irgendetwas soll besser werden oder zumindest anders. Wie wäre es, wenn es ausschließlich um liebevolle Annahme ginge, ohne Streben, vollkommen absichtslos? Wie wäre es, wenn das weitere ein offener Prozess ist, wo alles passieren darf, eben auch Entwicklung und Verbindung, aber eben nicht angestrebt wird? Mit dem Vertrauen oder zumindest der Hoffnung, dass allein die bedingslose, absichtslose Annahme der Weg dorthin ist, wonach wir uns alle sehnen: Liebe leben und Verbundenheit spüren.

Die Verantwortung der Gruppe für den Einzelnen

Wir von Lebwendig ergänzen das Grundverständnis, dass jeder stets nur für seine Gefühle und Bedürfnisse verantwortlich ist, durch die freiwillige Fürsorge der Gruppe für den oder die Betroffenen. Auch wenn ein Mensch grundsätzlich in der Lage ist, für sich alleine zu sorgen, kann es Situationen geben, in denen er ohnmächtig ist, weil ihn Scham, alte Geschichten o.ä. gefangen halten. (Wir von Lebwendig widersprechen damit der weit verbreiteten Meinung, dass jeder ja einfach sagen könne, wenn ihn etwas verletzt.)

Manchmal gelingt es dem Verursacher, der die Missstimmung im Betroffenen ausgelöst hat, einfühlsam auf sein Gegenüber einzugehen und hilft ihm damit wieder in die Kraft der Selbstfürsorge zu kommen. (Der Verursacher ist nach unserem Grundverständnis niemals schuldig oder verantwortlich für die Gefühle, die er im anderen auslöst.) Vielleicht ist es dem Verursacher jedoch auch unangenehm, dass er unbeabsichtigt solch starke Gefühle beim anderen ausgelöst hat, so dass auch er ohnmächtig ist. Oder er war schon vorher innerlich aufgebracht und braucht selber gerade Einfühlung.

Wie auch immer sich die Situation gestaltet, auch alle Unbeteiligten sind stets eingeladen, sich aktiv für eine einfühlsamen Verständigung einzusetzen. (Damit widersprechen wir der Auffassung, dass man sich in den Streit anderer nicht einmischen darf, da das alleine ihre Angelegenheit sei.) Damit die direkt Beteiligten die Einmischung nicht als übergriffig oder von oben herab erleben, sondern weiterhin auf Augenhöhe, spricht jeder wieder nur für sich und seine Werte, die ihm gerade jetzt wichtig sind. D.h. keiner ergreift Partei für einen anderen oder versucht zu beschwichtigen, zu trösten oder Konfliktlösungen zu finden. Stattdessen spricht er verletzlich von sich, von dem was er jetzt braucht oder sich wünscht und fragt aus dieser Motivation an, wie die Gruppe den beiden helfen kann. Was gemacht wird, entscheidet dann immer der, der die Hilfe annimmt.

Betrifft mich mittlerweile das Miterleben des Konfliktes selbst emotional, obwohl ich als Unbeteiligt gelte, darf ich auch meine eigene Betroffenheit (in Form einer Ich-Botschaft) einbringen. Wohlmöglich entsteht dabei großes Chaos und eine Zeit der Hilflosigkeit in der ganzen Gruppe. Bisher haben wir mittels der entschleunigenden Methoden jedoch immer aus dieser beklemmenden Stimmung herausgefunden in einen verbindenden Dialog. Darauf vertrauen wir auch weiterhin. Es lebe der Prozess 🙂

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