Persönliche Eindrücke

Im Fühlraum wollen wir aussteigen aus den gewohnten Umgang mit unseren Gefühlen und den vielen Glaubenssätzen, die uns davon abhalten, uns dem inneren Fühlprozess bewusst zu öffnen. Nach meiner Erfahrung braucht es deshalb zwar keine Vorkenntnisse oder besondere Erfahrungen, jedoch mehr als die Bereitschaft und Offenheit für dieses sich vorsichtig Öffnen. Eine tiefe Sehnsucht nach diesem noch ungewohnten Umgang mit dem eigenen inneren Erleben jenseits der Logik meines Verstandes erscheint mir (Andreas) notwendig. Wie sich dieser innere Fühlprozess gestaltet, ist für jeden individuell. Die folgenden persönlichen Erzählungen geben Dir einen kleinen Einblick.

von Kerstin

Ja, die Tränen waren erleichternd und auch wenn der Verstand noch zu verstehen versucht, sind sie mir als Antwort willkommen. Sie sind Antwort und Kanal für einen Schmerz, der seinen Raum haben will.
Und zum Thema, es alleine Schaffen, nehme ich zur Kenntnis, dass es den von euch gehaltenen Schutzraum brauchte, damit ich diesen Schmerz spüren konnte.

von Angie

Der Fühlraum hat mich sehr positiv überrascht. Ich konnte mich sammeln und meine Emotionen sowie Gefühle raus lassen, was eine ziemliche Erleichterung ist . Doch das schönste Gefühl war einfach dabei eure Präsenz zu spüren. Ich Danke dir (Andreas) für diesen wundervollen Einblick in die Gruppe und freue mich auf die weiteren Termine 🙂

von Andreas

Für mich ist der Fühlraum immer wieder ein kleines Abenteuer. Ich weiß nie vorher, ob und wie weit sich mein Inneres (Kind1) heute zeigen will. Und das darf auch so sein, denn für mich gibt’s im Fühlraum nichts zu erreichen! Wenn ich es allerdings schaffe, die Gedanken in mir loslassen, die mich (insbesondere mein inneres Kind) und was gerade geschieht beurteilen, dann steigen Gefühle wie Schmerz, Angst und Wut in mir auf, die ich sonst versuche zurückzuhalten und leben sich auf eine für meinen Verstand unerklärliche Weise aus. Dafür brauche ich die liebevolle Präsenz der anderen, da in diesen Gruppen, wo alle Gefühle besonders eingeladen sind, mein innerer Kritiker sich nicht mehr so mächtig fühlt. So gelingt es mir mich ungestört auf meinen Fühlprozess einzulassen. Ist meine Zeit um, kann ich meine Verletzungen vorsichtig wieder in meine „Schatzkiste“ packen und bin auch bald wieder offen für Einfühlung in den Nächsten. Dann passiert das Wunder: meine Tränen trocknen langsam und weichen einer Freude und Entspannung, die von Innen her kommt, ganz ohne mein gedankliches Zutun. Das ist für mich emotionale Entladung. Dafür lohnt es sich immer wieder mich in diese Räume zu wagen, obwohl ich vorher auch viel Widerstand, Skepsis und Unsicherheit in mir spüre.

Als Zuhörer lande ich noch oft in Gedanken und meine Aufmerksamkeit ist nicht immer 100% beim Fühlenden. (Auch wenn ich mit einigen kognitiven Tricks, meine Gedanken immer wieder in wohlwollende Präsenz überführen kann.) Und es gibt schon Momente, wo ich bemerke, dass ich ganz mit dem Herzen fühlend beim anderen bin, ganz ohne wertende Gedanken in meinem Kopf und ohne dabei den Kontakt zu mir zu verlieren. So liebevoll und annehmend beim anderen zu sein, dass will ich im Fühlraum mehr und mehr erlernen. So lohnt sich dieser Raum für mich gleich doppelt, ein Geschenk auf allen Seiten.

von Alex

Vorwort: Die Gesprächskreise von Lebwendig
im Unterschied zu alltäglichen Gesprächen

Ich habe festgestellt, dass ich mich in alltäglichen Gesprächen für mich entschuldige, mich verstecke, mich schäme, mich anders fühle und insgesamt abgespaltener von den Mitmenschen fühle.

Oft endet ein Gespräch auch in einem Chaos der gegenseitigen Gefühle. Der Gesprächspartner oder ich geben Ratschläge. Meist entstehen durch Rückfragen, Lob, Tadel oder (gut gemeintem) Trost quälende Fragen, wie:

  • War das für den Anderen zu viel?
  • Konnte der Andere mich verstehen?
  • Habe ich etwas falsch gemacht?
  • Warum werde ich (nicht) verstanden?
  • Wie muss ich mich erkären, damit ich verstanden werde?
  • Bin ich verkehrt?

Vieles verbiete ich mir selbst zu sagen. Und wenn ich es mal nicht tue, dauert es nicht lange, bis es der Gesprächspartner tut. Meist passiert das aus Gewohnheit und aus gutem Willen, z. B. zum Trost („Mach Dir doch nicht so einen Kopf“). Dann fühle ich mich noch ausgestoßener, unpassender, einsamer, als ich es vorher war.

Das ist bei den Lebwendig-Gesprächskreisen anders.

Der Fühlraum

In ihm gibt es für jeden Anwesenden eine Zeit, die nur für seine eigenen Bedürfnisse genutzt werden kann:

  • Wie geht es mir gerade?
  • Was fühle ich?
  • Macht sich das im Körper bemerkbar?
  • Was möchte da gerade gesagt werden?

Dadurch komme ich in Kontakt zu mir selbst.

Die Rolle der nicht-sprechenden Teilnehmer ist dann das aktive, empathische Zuhören. Die Aufmerksamkeit liegt völlig auf dem Sprechenden. Alleine durch diese Haltung, dass die Gruppe mich still und bejahend annimmt, fühle ich mich getragen. Meine Stimmung darf da sein, ich darf ganz ich sein. Es gibt Raum für das Da-Sein und So-Sein. Es gibt Raum für mich.

Diese „tiefe“ Annahme ist jetzt am Anfang noch sehr ungewohnt für mich. Durch konditionierte, meist beschämende, verurteilende und beschränkende Glaubenssätze fühle ich mich immer noch schlecht. Aber diese Urteile über mich werden im Fühlkreis höchstens von mir in den Raum getragen. Die Annahme der Gruppe wirft mich auf mich selbst zurück. Die Teilnehmer greifen nicht ein. Sie sind da und hören zu. Sie (er)tragen mich mit meinem Da-Sein. Manchmal kann ich dadurch schon selbst entscheiden, ob ich weitere Beschuldigungen im Inneren gegen mich mache, oder ob ich es (auch) nicht (mehr) tue. Dadurch, dass ich Akzeptanz widergespiegelt bekomme, kann ich mich selbst besser akzeptieren. Das ist sehr wohltuend für meine Seele. Ich fühle mich angenommen und verbunden.

Durch die Rolle als empathischer Zuhörer schärft sich mein Verständnis für das geduldige und einfühlsame Zuhören.

Der einfühlsame Zuhörkreis

Im Grunde ist er dem Fühlraum sehr ähnlich. Es gibt jedoch die Möglichkeit, direkte Rückfragen der Gesprächsteilnehmer zu erhalten oder zu erfragen. Durch ich-bezogene Rückmeldungen wird dabei ein wertschätzender und offener Austausch ermöglicht. Neue Perspektiven können in Betracht gezogen werden. Annahmen werden hinterfragt.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass bei beiden Gruppen Wert darauf gelegt wird, dass die Eigenverantwortung der Teilnehmer unterstützt wird. Niemand muss sprechen, niemand muss zuhören.

Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Angebote nutzen darf. Sie stärken mich und damit auch mein Umfeld. Denn ich frage mich jetzt auch öfter in meinen alltäglichen Gesprächen:

  • Möchte derjenige, dass ich zuhöre?
  • Möchte er eine wertschätzende Rückmeldung?
  • Oder soll/darf ich meine eigene Erfahrung oder Meinung schildern?
  • Und was möchte ich eigentlich selbst, wenn ich ein Gespräch suche?

Ich glaube, dass sich mit den Gesprächskreisen echter und achtsamer Austausch zwischen Menschen etablieren kann. Ich freue mich sehr, dass so ein offener Austausch möglich ist.


Fußnoten

1 Ich bezeichne meinen verletzlichen Anteil gerne liebevoll als mein inneres Kind im Verständnis des Buches „Aussöhnung mit dem inneren Kind“ von E. Chopich und M. Paul. – zurück zum Text