Hilfe beim Fühlprozess

Mach ich’s auch richtig mit meinem Fühlprozess?

Heilsames von unheilsamen Fühlen unterscheiden (Bewusst versus unbewusste Entladung) – Woran erkenne ich, ob eine Entladung gelungen ist?

Auch wenn es für mich (Andreas) beim Fühlen kein Richtig und Falsch gibt, so gibt es dennoch klare Anzeichen, an denen Du erkennen kannst, ob Dein Fühlen Dir Erleichterung bringt.

Wie sich eine hilfreiche Entladung anfühlt, ist für jeden anders. Hat bei Dir eine hilfreiche Entladung stattgefunden, bemerkst Du danach in Dir etwas wie Erleichterung, Beruhigung, Frieden, Freiheit, Weite o.ä. (vgl. Schritt 5: Entladung zulassen – Formen der Entladung).

„Die vorherrschende Empfindung ist Frieden, oft auch von einer Trauer begleitet, die jedoch in diesem Fall keine Emotion ist, sondern eine Gefühlskraft [Gefühle als Kraft].“ (V. Dittmar, S. 198)

Du erkennst es auch daran, ob Du in Deinen Emotionen stecken bleibst oder ob sie sich ohne Dein Zutun verändern. Gefühle sind von ihrer Natur aus flüchtig und wandlungsfähig. Wenn Du Dich ganz auf das tiefe Fühlen einlassen konntest, Deine Absolutheitsansprüche dahinter loslassen konntest und bejahend, annehmend in Kontakt gekommen bist mit Deinem zu Grunde liegenden Sehnsüchten, Bedürfnissen und Werten, dann fühlt sich alles in Dir gesehen und verschwinden von selbst in den Hintergrund. Das heißt nicht, dass Du damit unbedingt dieses Thema für immer erledigt hast, nur das es sich für den Moment angenommen und gewürdigt fühlt. (Für mich ist der Fühlprozess ein lebenslanger Bestandteil des Lebens und es kommt nicht darauf an möglichst schnell viele der unangenehmen Emotionen los zu werden, sondern ein  Weg gefunden zu haben, damit liebevoll und verbindend umzugehen. Damit ist der Weg des Fühlprozesses – vgl. Mein unangenehmes Erleben (Gefühle & Emotionen) schätzen lernen«, insbesondere Weg 1 versus Weg 2 – auch schon das Ziel.)

Umgekehrt kannst Du durch Gedanken, Deine Gefühle daran hindern wirklich ganz da zu sein. Dann schaukeln sich Gedanken und Gefühle in Dir hoch, Du wirkst oft höchst emotional oder ganz abwesend und Deine Gefühle kommen nicht zur Ruhe. Sich-Großtun (z.B. eigene Erfolge aufzählen oder sich anders beschwichtigen), Verlegenheitslachen, unwillkürliche Gesten und flaches bzw. hektisches Atmen sind typische Begleiterscheinungen.

„Sowohl die totale Abwesenheit von Emotion oder Gefühl, also Taubheit, als auch emotionale Ladungen sind Zeichen einer nicht abgeschlossenen Verarbeitung. Das Gleiche gilt für eine angestrengte, leicht künstlich wirkende Heiterkeit oder Tapferkeit. In allen drei Fällen ist der innere Fühlraum irgendwie verstopft oder gedeckelt, er kann nicht frei schwingen.“ (V. Dittmar, S. 198)

Oft hindern uns die Angst vor den Gefühlen (z.B. die Angst aus den Gefühlen nicht mehr raus zu kommen), wirklich das Gefühl vollständig zu fühlen und so bleiben wir stecken. Das vorsichtshalber Nicht-Wirklich-Fühlen-Wollen hält uns also scheinbar paradoxer Weise in unseren Emotionen gefangen. Du kannst sie zwar für eine Zeit lang bewusst verdrängen (vgl. Überlebensstrategien), doch sie werden sich Wege suchen, um sich auszudrücken, weil sie gesehen und gelebt werden wollen.

„Auch wenn es sich zunächst so anfühlt: Wir weinen nicht für den Rest unseres Lebens. Wir weinen noch nicht einmal für die nächsten fünf Stunden.

Wenn wir wirklich präsent sind, uns immer wieder auf das Fühlen einlassen, Absolutheitsansprüche loslassen und mit den Bedürfnissen in Kontakt treten, dann sind die meisten Entladungen innerhalb von fünf bis zehn Minuten erledigt – ab dem Zeitpunkt, wo wir effektiv angefangen haben zu entladen. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, und vor allem bedeutet es nicht, dass manche Themen nicht wiederkommen und erneut Raum beanspruchen – bei sehr großen Päckchen ist das sicher der Fall.“ (V. Dittmar, S. 173)

„Sprechen“ beim Fühlen

Egal ob Du einen inneren Dialog führst oder Deine Gedanken laut aussprichst, bestimmte gewohnte Gedanken können Dich vom Deinem eigentlichen Fühlprozess entfernen und Dich in Sackgassen führen. Das ist gerade am Anfang völlig normal und stellt auch kein Problem dar, es geht nur darum es zu bemerken und zum Fühlen zurück zu kehren.

Geschichten aus Deiner Vergangenheit oder Ausblicke in Deine Zukunft können als Einstieg in Deinen Fühlraum hilfreich sein, doch kannst Du Dich auch leicht darin verlieren. Deshalb halte sie kurz. Sie müssen weder vollständig noch verständlich sein.

Analysen – so verführerisch sie für Deinen Verstand auch wirken mögen – helfen Dir nach meinem Verständnis nicht weiter.(Ausnahme sind Glaubenssätze, die mit keinerlei Emotion in Dir gekoppelt sind. Dann reicht ein reines Umdenken aus.) Eine Haltungsänderung (love it or leave it) wird erst dann möglich, wenn die zugehörigen Emotionen gelebt werden konnten und das geschieht jenseits Deines Verstandes. Deshalb sind Analysen im Fühlraum komplett zu vermeiden.

Aber auch emotionsgeladenes Reden kann Dich – scheinbar paradoxer Weise – vom eigentlichen Fühlen abhalten, nämlich wenn Du Dich in Deinen Dramen oder Absolutheitsansprüchen verlierst.

Andererseits kann es manchmal notwendig sein, einen bestimmten Satz immer wieder laut auszusprechen – z.B. der Satz eines anderen, der Dich aktiviert hatte – um tiefer in Deinen Fühlprozess zu kommen.

Hast Du Gedanken in Dir, die aus Deinem Ärger, Wut oder Hass gespeist werden, ist es sinnvoll sie distanziert auszudrücken, um für Dich selbst und die anderen nicht zu viel Trennungsenergie reinzubringen und mitfühlende Sanftheit in Dein Fühlen zu bringen.

Disidentifikation als wichtiges Hilfsmittel

Einerseits können Deine emotional geprägten Gedanken Dich selbst erschrecken, wenn Du sie 1 zu 1 aussprichst und Du bleibst in der Scham darüber stecken, beispielsweise wenn ein sehr alter verletzter Teil in Dir sagen will „Am liebsten würde ich sie alle umbringen. Die sollen verrecken!“ Da spricht die verzweifelt Wut, hinter der sich wahrscheinlich eine Angst versteckt. Andererseits wird es für Deine unterstützende Zuhörerschaft auch schwerer Dir einfühlsam und liebevoll zuzuhören, weil sie wohl möglich in Widerstand gegen Deine Aussprüche geraten.

Doch solche Gedanken komplett wegzulassen ist auch nicht ratsam, weil wahrscheinlich dieser Teil in Dir unbedingt Gehör finden will, damit Du mit den dahinter liegenden alten Emotionen in fühlenden Kontakt kommen kannst.

Ich helfe mir in diesem Fall indem ich sage (laut oder in meinem Geiste): »Ein Teil in mir, möchte sie am liebsten alle umbringen!«

Diese Disidentifikation ist sehr wichtig, denn ich habe dieses eine Gefühl und ein Teil in mir denkt so, aber ich bin nicht das Gefühl!

»Liebes Gefühl, du bist ein Teil von mir. Ich höre dir jetzt zu und sorge für dich.« (vgl. Thich Nhat Hanh)

Umgang mit Deinen Glaubenssätzen, Absolutheitsansprüche und Dramen

„.. [Wir können] viel Zeit darauf verwenden zu argumentieren, dass und warum das, was war, nicht hätte sein dürfen oder anders sein sollte. Wir können dabei auch sehr starke Gefühle und Emotionen empfinden oder sogar produzieren. Entladung geschieht auf diese Weise jedoch nicht, das Karussell von Gedanken und Gefühlen schubst sich nur immer weiter an. … Die Aufforderung, einen wichtigen Absolutheitsanspruch zu hinterfragen, … fühlt sich wie Selbstmord an. Alles in uns will das nicht. Unser Verstand macht unbezahlt Überstunden, um argumentativ zu belegen, warum ausgerechnet dieser eine Anspruch keine persönliche Wertvorstellung, sondern ein universelles Gesetz ist. Oder zumindest sein sollte.“  (V. Dittmar, S. 171)

»Niemand sollte fremd gehen!« – wenn mein Partner trotz meines vielleicht klar formulierten Wunsches, dass wir nie während unserer Partnerschaft mit einer anderen Person intim werden, dies doch tut, habe ich die Wahl: 1. Ich steige in mein Drama ein, mache mich zum armen Opfer und ihn zum bösen Täter. Ich beharre also auf meinem Absolutheitsanspruch und suche nach einem Retter, der mich in meinem Absolutheitsanspruch unterstützt. Damit trenne ich mich allerdings auch von dem was ist, nämlich dass einige Menschen „fremd gehen“. Oder 2. Ich öffne mich für meinen Fühlraum und lasse alles leben, was dieser Tatbestand in mir auslöst. So erreiche ich letztlich Verbindung mit allem was ist. Damit ist nicht gemeint den eigene Wert von Treue über Bord zu werfen (vgl. ), sondern sich eben nur nicht gegen das zu stellen, was geschehen ist, sondern Verantwortung dafür zu übernehmen, was es in mir auslöst.

Doch das geht nicht von heut auf morgen! Es geht nicht darum jetzt sofort alle Absolutheitsansprüche über Bord zu werfen, auch wenn mir klar geworden ist, dass sie letztlich Leid in mir auslösen. Denn bei manchen Absolutheitsansprüchen / Glaubenssätzen brauche ich lange, bis ich sie in Frieden loslassen kann, denn sie waren lange ein Schutz für mich. Mich selbst in diesem Punkt zu überfordern, wäre nicht liebevoll zu mir selbst und schafft neue Verletzungen.

Viel mehr geht es darum mich immer wieder fühlend diesen Gedanken in mir zuzuwenden. Damit kommen ich auch spürend in Kontakt mit meinem dahinter liegendem Bedürfnis oder Wert.

„Das Ziel ist nicht, den Anspruch gewaltsam als Illusion zu demaskieren. Gerade bei Ansprüchen, die mit großen emotionalen Ladungen verknüpft sind, geht es vielmehr darum, sich ganz langsam und behutsam an die Möglichkeit heranzutasten, dass diese nicht universell gültig sind und dass die Realität daher von ihnen abweichen kann. Im Zuge dieses Herantastens kommen wir auch mit der Ladung dahinter in Kontakt. Je weiter wir den Schutzschild unseres Absolutheitsanspruches beiseiteschieben, desto umfassender ist das möglich.“ (V. Dittmar, S. 172)

„Dabei genügt es leider nicht, den eigenen Anspruch in eine Ich-Botschaft zu stecken und ihn dadurch möglichst gewaltfrei rüberzubringen, wenn die zugrunde liegende Haltung unverändert ist. … Wir sind hochgradig mit ihnen identifiziert. Diese Identifikation kann so stark sein, dass wir lieber unsere Beziehung, unsere Familie oder unseren Job opfern, als den Absolutheitsanspruch zu hinterfragen, der uns das Leben in diesen Bereichen so schwer macht. Doch das ist nicht nur pure Sturheit.“ (V. Dittmar, S. 92)

Es gibt auch Absolutheitsansprüche, die ich schlicht von anderen übernommen habe, ohne dass sie eine Schutzfunktion für mich haben. An ihnen hängt dann für mich keine emotionale Ladung und ich kann sie leichter loslassen, durch reines Denken. Bei anderen Absolutheitsansprüchen brauche ich eine Möglichkeit, die an sie gekoppelten Emotionen zunächst zu entladen.

Was Dir noch helfen kann zu Fühlen

  • Manchmal ist es sehr schwer aus dem Gedankenkarussell aus Ärger von Gestern und Sorgen von Morgen auszusteigen und ganz fühlend im Jetzt anzukommen. Dein Körper und Atmen kann ein gutes Hilfsmittel sein, um Deine Gedanken loszulassen. So können Tiefenentspannung oder Bodyscan ein geeigneter gemeinsam Einstieg in den Fühlraum sein.
  • Bewegung kann ebenfalls helfen beim Fühlen, auch im Fühlprozess selbst.
  • Zudem kann es sinnvoll sein, wenn ihr nebeneinander statt voreinander sitzt, steht oder geht, denn der ständige Blickkontakt kann dazu führen, dass ich als Fühlender ständig auf guten Kontakt mit meinem Zuhörer aus bin und damit den fühlenden Kontakt mit mir vernachlässige.
  • Mir (Andreas) hilft es die Augen zu schließen, um ganz bei mir zu sein, im Wissen, dass ich nicht alleine mit meinen Emotionen bin, sondern liebevoll von meinen Zuhörern getragen werde.
  • Falls Du anfangs gar nichts fühlst (was einerseits daran liegen kann, dass noch keine Emotion in Dir aufgestiegen ist oder andererseits weil Du Dich noch innerlich davor verschließt) stellt dies an sich kein Problem dar. Du kannst Dich ganz auf das Fühlen dieser inneren Leere konzentrieren. Dann werden auch andere Gefühle bei Dir auftauchen und schon bist Du auf Deiner „Fühlspur“.
  • Und „aller Anfang ist schwer!“ Auch wenn die Struktur und die Anweisungen einfach gehalten sind, so ist die Umsetzung der sehr ungewohnt und damit alles andere als leicht. Sei großherzig mit Dir und gönne Dir einige Übungsrunden, um ein Gefühl für diesen Fühlprozess zu bekommen.