Das Konzept des Fühlraums

Grundannahmen für den Selbsthilfeprozess

„Das Loslassen meiner emotionalen Altlasten ist nicht leicht für mich und anfangs geraten ich oft in Sackgassen, weil ich meine Ausweichstrategien – Unangenehmes nicht tief zu fühlen – so sehr gewohnt bin. Außerdem ist der Weg des reinen Fühlens für meinen Verstand nicht fassbar, so dass ich mich auch immer wieder mal verlaufe.

Doch schon der Weg ist das Ziel. Und der Prozess schenkt mir nach und nach viel Vertrauen in mich, ins Miteinander im geschützten Raum und ins Leben an sich. Nach und nach werden durch diesen Weg auch meine alltäglichen Beziehungen ungefährlicher und leichter, weil ich eine Methode praktiziere, mit meinen Verletzungen einfühlsam und annehmend umzugehen.

Dies geht für mich nur über das reine Fühlen. Alle andere Methoden, die ohne wirkliches Fühlen auskommen, sind vielleicht eine bessere Strategie, um meine Emotionen zu parken und schnell wieder in mein Gefühl von Stärke und Selbstkontrolle zu kommen, doch sie führen nicht zu einer dauerhaften und nachhaltigen inneren Erleichterung bei mir. Ich gehe davon aus, dass meine emotionalen Themen nur durch Fühlen der Emotionen gelöst werden können. Darauf will ich vertrauen, ohne dass ich weiß, dass dies wahr ist und dass jemand weiß, was mir hilft und mich anleitet in meinem Fühlprozess.“ (Andreas)

Struktur und (Schutz-)Regeln des Fühlraums

Für den Hauptteil, wo wir uns reihum gegenseitig für 10-15 Min. (je nach Gruppengröße) zuhören, gibt es folgende Grundregeln:

  1. Der Fühlende richtet seine gesamte Aufmerksamkeit auf das, was in ihm lebendig ist: seine Gefühle/Emotionen, Körperempfindungen, Impulse und Gedanken. (Wobei er versucht auf Details und dem Verharren bei Bewertungen/Urteilen/Glaubenssätzen zu verzichten, um dem Fühlprozess nicht im Wege zu stehen.) Wichtig dabei ist auch, dass der Fühlende seine eigenen Grenzen achtet, d.h. er alleine entscheidet, wie viel er mitteilt und ob er die gesamte Zeit nutzt.
  2. Ergänzend zum Ansatz von Vivian Dittmar darfst Du Dir in unserem Fühlraum auch eine Begleitung von einer (oder mehreren) Anwesenden wünschen. Dies ist manchmal sehr hilfreich, wenn Du noch nicht so sehr mit der Methode der Bewussten Emotionalen Entladung vertraut bist und immer wieder in Sackgassen landest. Es ist dabei keine therapeutische Intervention, die Dich inhaltlich leitet, sondern lediglich eine Rückerinnerung an die Methode selbst. [Mehr dazu …]
  3. Alle Zuhörer schenken Dir während Deines Fühlprozesses ihre ganze ungeteilte liebevolle Aufmerksamkeit und Einfühlung. Nur mit offenem Zuhören(-wollen) funktioniert der Prozess!
  4. Wenn ein Zuhörer jedoch getriggert wird, verharrt er nicht in der Zuhörerrolle, sondern sorgt selbstempathisch für sich, ggf. verlässt er den Raum. Was für alle Beteiligten tragbar ist, wird vorher individuell geklärt. [Mehr dazu…]
  5. Der Moderator achtet darauf, dass niemand dazwischen redet, dass die Zeit eingehalten wird und dass die Aufmerksamkeit immer auf dem gerade Fühlenden ruht. Dennoch ist er Teilnehmer wie jeder anderer.
  6. Doch die wichtigste Schutzregel im Fühlraum ist, dass was im Fühlprozess geteilt wird, absolut unkommentiert bleibt und weder vom Fühlenden noch von den Zuhörer irgendwann thematisiert wird („Besondere Vertraulichkeit“). Dies ist eine Vorsichtsmaßnahme, weil das verletzliche Innere (Kind) dazu neigt, jeden Eingriff als Nicht-Annahme zu interpretieren. Im Fühlraum selbst braucht es diese klaren Regeln, damit dieser fragile Fühlprozess im geschützten Rahmen überhaupt stattfinden kann!

Im Rahmenprogramm um den eigentlichen Fühlraum nutzen wir einige Hilfen (unseren lebwendigen Strukturelemente und Empfehlungen, vgl. Konzept des Zuhörkreises – auch wenn wir sie nicht explizit auslegen), d.h. wir schauen gemeinsam ich-bezogen, entschleunigt und strukturiert nach Wegen, mit denen sich alle wohlfühlen, falls Missstimmungen oder Irritationen im Miteinander auftreten. Vielleicht braucht es so keine weiteren Regeln, die das Individuelle einschränken. Doch der bewusste Verzicht auf Regeln ist im Fühlraum – im Gegensatz zum Einfühlsamen Zuhörkreis – nicht die gemeinsame tiefe Sehnsucht. In dieser Gruppe geht es stattdessen primär um den eigenen inneren Fühlprozess.

Zeitlicher Ablauf

  • 30 Min. Eintrudelphase, damit sich keiner hetzen muss und wir dennoch möglichst gemeinsam anfangen können
  • 5-20 Min. Ankommensrunde, aus dem Kopf&Alltag ins Hier&Jetzt und im Körper anzukommen – mittels Meditation oder Körperübungen wie QiGong
  • 60-120 Min. der eigentliche Fühlraum, die „bewusste Entladung“, umrahmt von einer Befindlichkeitsrunde zu Beginn und einer selbsteinfühlsamen, ich-bezogenen Reflexionsrunde zum Abschluss rein auf der Meta-Ebene (vgl. „Besondere Vertraulichkeit“)
  • 5-10 Min. Verabschiedungskreis: Wir spüren der Energie der Verbundenheit nach und jeder kann sich in seinem Tempo aus dieser besonderen Atmosphäre verabschieden.

Auf welchen Ansätzen baut unser Fühlraum auf?

  • insbesondere: die Praxis der Bewussten Emotionalen Entladung nach Vivian Dittmar aus ihrem Buch
    Der emotionale Rucksack“ (genauer: 1. Auflage, Originalausgabe © 2018 Kailash Verlag, München)
    s.a. Interview zu ihrem Buch bei LitLounge.tv

  • auf unserem Einfühlsamer Zuhörkreis

  • Erika J. Chopich und Margaret Paul, Aussöhnung mit dem inneren Kind (inner bonding, sichere Bindungen)

  • Thich Nhat Hanh, Versöhnung mit dem inneren Kind

  • Pema Chödrön, Liebende Zuwendung – Freude im Herzen

  • Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg – Stichwort „high quality empathy“ wie ich diese besonders bei entsprechend angeleiteten GfK-Tanzparkett erleben durft.

  • Gerlinde R. Fritsch, Praktische Selbst-Empathie

Wir nutzen letztlich das, was ich (Andreas) als gemeinsame Schnittmenge erkannt habe, jedoch insbesondere eben die Methode von Vivian Dittmar. (Mehr dazu gerne auf persönliche Anfrage.)

Fakten: Wer nimmt teil am Fühlraum?

Gruppengröße

Diese Methode funktioniert auch schon zu zweit hervorragend, was die Organisation deutlich vereinfacht. 🙂 Wir haben die Gruppengröße auf 2-6 festgelegt. (Die absolute Obergrenze liegt bei 8 Teilnehmenden.)

Altersspektrum / Durchschnittsalter

Die Gruppe findet sich erst gerade. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass weder Lebensalter noch Erfahrung mit einem solchen Miteinander eine entscheidende Rolle spielen. Ich (Andreas) bin jedes Mal anders und erlebe den Fühlraum auch oft unterschiedlich. Es ist eben ein offener Prozess, der ganz aus dem Jetzt und jenseits der Logik des Verstandes leben will.

Berufe

Was Du machst und was Du hast, spielt bei uns gar keine Rolle. Sehr selten fragt Dich jemand überhaupt die üblichen Fragen (Alter, Beruf, Familienstand), weil wir uns auf der Ebene der Gefühle und Bedürfnisse fühlend begegnen wollen. In unserer Gruppe findest Du demzufolge eine bunte Mischung: Auszubildende, Angestellte, Selbständige, Rentner … und auch Vollzeitaktivisten.

Leitung: Wer leitet das Ganze?

Meistens übernehme ich (Andreas) – auf Wunsch der Teilnehmenden – die Moderation. Dies schafft Sicherheit & Struktur und die anderen können sich mehr auf sich konzentrieren. Andererseits ist die Struktur so einfach und die Regeln sind so begrenzt, dass es auch kaum Moderation braucht.

Für alle anderen Fälle gilt: jeder ist Leiter oder Initiator, d.h. jeder trägt seine Verantwortung dafür, das die ca. 2 Stunden in seinem Sinne verlaufen. [Mehr dazu…]

Dabei orientieren wir uns beim Rahmenprogramm um den eigentlichen Fühlraum an den Lebwendige Grundsätze. Dabei trägt jeder nur die Verantwortung für seine Gefühle und Bedürfnisse und versucht selbstfürsorglich durch ich-bezogene (GfK-)Bitten seiner Verantwortung gerecht zu werden.

Im Fühlprozess selbst kannst Du Dir eine für Dich passende Begleitung wünschen. Diese muss nicht unbedingt durch den Moderator erfolgen.

Begleitung bei Deinem Fühlprozess

Die aktive Begleitung beim Fühlprozess wird stets nur spärlich angewandt und nur auf vorherigen expliziten Wunsch von Dir als Fühlender. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Du nicht mehr die volle Verantwortung und Steuerung für Deinen Fühlprozess übernimmst. Es geht nicht darum, dass wir von außen Deinen Fühlprozess steuern, sondern lediglich Dich darauf aufmerksam machen, wenn Du schon längere Zeit die Methode des Fühlens gänzlich verlassen hast und komplett im Denken feststeckst (vgl. Sackgassen). Weil dies dennoch ein schmaler Grad in Richtung einer (therapeutischen) Intervention ist, nutzen wir dies auch außerdem nur solange, Du noch gar nicht mit der Methode des Fühlraums vertraut bist. Die Begleitung dient folglich lediglich dazu, dass Du als Fühlender an die Methode erinnert wirst. Dabei kannst Du die Art der Hinweise selbst wählen:

  1. ganz ohne Begleitung – wird i.d.R. bei uns genutzt
  2. ein nonverbaler Hinweis (z.B. Hand heben oder Winken), falls von außen der Eindruck entsteht, Du bist in einer Sackgasse gelandet – reicht in Anfangsphase meist nicht aus, um den Fühlenden Klarheit zu verschaffen, wo er methodisch feststeckt!
  3. Hinweisschilder, die die vermutete Sackgasse genauer beschreiben und Hilfen zum selbständigen Ausstieg aus der Sackgasse
  4. Kurze verbale Klärung – erfolgt nur in Übungssituationen und wenn der Übende dies unbedingt will, weil er die Methode nur an konkreten Beispielen verstehen kann
  5. verbale Zurückführung, falls Fühlender in Sackgasse steckt, z.B. „Was fühlst Du gerade?“ (Dabei werden keine forschenden Fragen gestellt, nur solche die unmittelbar ins Fühlen zurückführen!) – kann sehr hilfreich in der Anfangsphase sein

Im Punkto der Begleitung unterscheiden wir uns von Vivians Ansatz, zumindest wie er bisher – Stand April 2020 – im Online-Entladungsraum von Vivians Team praktiziert wird.

Freiheit des Fühlenden / Vertrauen auf den Selbstheilungsprozess

Damit die Emotionale Entladung gelingen kann, braucht der Fühlende vollkommene Freiheit, um seine Emotionen nachträglich durchleben zu können. Jede Kontrolle durch den Verstand wäre kontraproduktiv für diesen fragilen, verletzlichen Prozess. (Wobei körperliche Gewalt gegen sich oder andere doch kontrollierend ausgeschlossen werden muss.) Der Verstand hat ansonsten die Aufgabe dem Fühlen aus dem Weg zu gehen. Das ist für mich (Andreas) eine ganz zentrale Notwendigkeit.

Deshalb kann ich als Fühlender nicht gleichzeitig darauf achten, wie es den anderen damit geht und jedes Einwirken von außen kann den Kontakt zu den ungelebten Emotionen (verletztes inneres Kind) abreißen lassen. Der Fühlende muss also entweder sicher davon ausgehen können, dass alle mit allem zurechtkommen oder dass sie entsprechend für sich sorgen können ohne direkt in seinen Fühlprozess einzugreifen.

Ein wichtiges Grundprinzip der Bewussten Emotionalen Entladung ist, dass wir auf die Selbstheilungskraft und Selbstregulierung des Fühlenden ganz vertrauen. Im Gegensatz zu anderen Ansätzen, die durch Fremdwahrnehmung, Spiegelungen, Feedback und andere Impulse von außen den Prozess des Fühlenden positiv zu beeinflussen suchen. Gerade dieses „wir bleiben vertrauensvoll bei Dir, auch wenn wir von außen meinen, andere Wege seien für Dich nun angebracht“ hilft Vertrauen in den eigenen Fühlprozess zu erlangen und letztlich seiner ganz eigenen inneren Fühlspur / Zündschnur zu folgen. Für mich persönlich unverzichtbar, dass zumindest alle versuchen, diesem zu vertrauen, auch wenn es manchmal schwer erscheint.

Und wir sind alle Übende unter Übenden und dürfen deshalb wunderbar unperfekt sein bei unseren Gehversuchen, ja wir sind sogar dazu eingeladen, nicht perfekt in der Methode zu sein. (Allerdings wenn der Sprecher sowieso gerade vollkommen im Kopf ist bei seinem Drama oder seiner Analyse kann im Einzelfall ein Hinweis wie z.B. „Was fühlst Du gerade?“ hilfreich sein. Und genauso gut auch schädlich. Dies legt jeder individuell für seinen Fühlprozess fest – vgl. Begleitung.)

Schutzraum auch für den Zuhörer

Für mich (Andreas) in der Position des Fühlenden ist es von zentraler Bedeutung, dass ich weiß, dass meine Zuhörer / Raumhalter jederzeit gut für sich sorgen. Ich kann nicht tief in meine Gefühle reingehen und meinen Emotionen meine Stimme und meinen Körper leihen, wenn ich nicht sicher weiß, dass die Teilhabenden gut für sich sorgen. Gute Selbstfürsorge bedeutet für mich auch, dass ein aktivierter Zuhörer sich ausklingt, ggf. auch den Raum verlässt und dass er dazu die offizielle Erlaubnis/Einladung hat. (Und seine Selbstfürsorge darf nicht darin bestehen, dass der andere in mich als Fühlender eingreift, s.o.) Wenn es einen solchen „Notausstieg“ gibt, kann ich mich ganz auf meinen Innenprozess einlassen und muss mir keine Gedanken darüber machen, wie es den anderen mit mir geht. (In anderen Gruppenkonzepten wurde mir z.T. vorgeworfen, dass ich beim mich emotional Zeigen nicht die anderen im Blick hatte und mich übergebührlich zugemutet habe, während ich davon ausging, dass jeder für sich sorgt.)

Und es ist für mich unproblematisch, wenn einer oder alle Zuhörer / Raumhalter sich ausklinken, weil ich weiß, dass es nur mit ihnen selbst zu tun hat (deren Gefühlen, deren alten Geschichten) und ich lediglich der Auslöser bin, also ohne Verantwortung dafür. Zudem weiß ich, dass ich auch alleine meinen Raum halten kann – wenn auch etwas schwerer.

Äußerst unangenehm wird es für mich als Fühlender hingegen, wenn ich spüre, dass einige nur noch aus Selbstverpflichtung ihrer Rolle gegenüber im Kontakt mit mir sind. Ich spüre deren inneren Widerstand ebenso wie ich oft bemerke, wenn ein Mensch innerlich nicht mehr von Herzen dabei sein kann und z.B. in Urteilen festhängt. Deshalb ist es mir so wichtig, dass die anderen nur dann den herzoffenen Kontakt zu mir suchen, wenn sie es aus Freude tun können. (Eine gegenseitige Triggerung, ein Offenlegen von Projektion und Gegenprojektion, gehört für mich in einen anderen Rahmen, z.B. Community Building Prozess oder unseren Einfühlsamer Zuhörkreis.)

Auch umgekehrt, wenn ich in der Position des Raumhalters bin, brauche ich die Erlaubnis eines Ausstiegs bei Aktivierung. Nur so kann ich den Fühlenden wirklich frei lassen in seinem Fühlprozess. Ansonsten spürt der Fühlende wohl möglich meine inneren Vorbehalte gegen seinen aktuellen Entladungsversuch und ist schon deshalb m.E. nicht wirklich frei in seinem Prozess, wenn ich nicht den Notausstieg in einer solchen Aktivierungssituation nutze (s.o).

Doch andere Menschen brauchen auch die Gewissheit, dass ihn unter allen Umständen bis zu Schluss zugehört wird, ansonsten können sie sich nicht auf ihren Fühlprozess einlassen. Deshalb sprechen wir vorher darüber, was jeder in der Position des Zuhörers und des Fühlenden braucht, um sich sicher und wohl zu fühlen. Bisher haben wir stets eine individuelle Lösung gefunden, wo niemand etwas aushalten musste.

Wenn es Dir in der Zuhörer-Position manchmal genauso geht wie mir, dann dürfte unsere Gruppe besonders interessant sein. Denn auch in diesen Punkt unterscheiden wir uns von Vivians Ansatz, zumindest wie er bisher – Stand April 2020 – im Online-Entladungsraum von Vivians Team praktiziert wird.

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